Ost- West-Fernsehen im Vergleich - inklusive Tapetenwechsel, Foto: Uli Kunz
Am Rednerpult sehen Sie, wie eine Rede entsteht. Foto: Uli Kunz

Eine multimediale Ausstellung

Die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus geht auf Ihre Wünsche und Interessen ein. Hier können Sie selbst bestimmen, mit welchen Aspekten des äußerst vielfältigen und aufregenden Lebens von Willy Brandt oder mit welchen historischen Schlüsselereignissen Sie sich beschäftigen möchten.

Die interaktive Eintrittskarte ermöglicht Ihnen einen faszinierenden Gang durch die Geschichte. An verschiedenen Stationen können Sie damit gezielt Text-, Film- und Tondokumente von und über Willy Brandt abfragen, z. B. geheime Briefe und illegale Flugschriften aus der Exilzeit oder die Fernsehbilder vom gescheiterten Misstrauensvotum 1972. Sie können auch selbst aktiv werden und sich an die Regierungsbank setzen oder ans Rednerpult treten. Oder Sie nehmen in einem deutsch-deutschen Wohnzimmer Platz und verfolgen die gegensätzliche Berichterstattung des Ost- und des Westfernsehens im geteilten Deutschland.

Kindern bieten wir ein eigenes Programm an, das in spannenden Bildgeschichten erzählt, wie aus einem Arbeiterjungen ein international hoch angesehener Politiker wurde. Unsere ganz jungen Gäste können auch ganz selbstständig mit einem Memory-Suchspiel die Ausstellung erkunden, während die Eltern einen entspannten Ausstellungsbesuch genießen.

Eine Beschreibung aller Ausstellungsabschnitte liefert Ihnen unser Ausstellungsleitfaden, den Sie hier schon einmal einsehen oder herunterladen können.

Kindheit und Jugend

Auf Entdeckungsreise im Lübecker Arbeitermilieu, Foto: Uli Kunz
Der Nationalsozialismus an der Macht

Der erste Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Kindheit und Jugend Willy Brandts in Lübeck. An großen verschiebbaren Schiffsmetallwänden können Sie sich die Arbeiterkultur und das Arbeitermilieu Lübecks erschließen, gegenüber auf Glas werden Ihnen zentrale Hintergrundinformationen zur Weimarer Republik präsentiert. In der Mitte des Raumes können Sie sich in Willy Brandts Jugendzimmer setzen, in seiner Jugendlektüre schmökern oder im Familienalbum blättern. Hören Sie während oder nach Ihrer Lektüre, was Willy Brandt später rückblickend zu seiner Zeit am Gymnasium „Johanneum“ oder den Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu berichten weiß. Für Kinder erzählt der Kater Billy seine Erlebnisse mit Willy Brandt.

Es wird Ihnen gezeigt, was es bedeutete, in den Zwanziger Jahren im Lübecker Arbeitermilieu aufzuwachsen. Denn als Willy Brandt noch Herbert Frahm hieß, war die Welt alles andere als in Ordnung. Der ersten deutschen Republik mangelte es an überzeugten Demokraten, die wirtschaftliche Not in der Bevölkerung war groß und die Zeiten schwierig. Seine Kindheit verlebte der junge Herbert als unehelicher Sohn einer einfachen Verkäuferin bei seinem Großvater, seine Jugend zwischen bürgerlicher Schule, Arbeiterbewegung und politischem Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Bevor Sie Willy Brandt ins Exil nach Norwegen und somit in den nächsten Raum begleiten, sollten Sie nicht die Schilderung der ersten Boykotte gegen jüdische Geschäfte in Lübeck und der Verfolgung und Ermordung lokaler demokratischer Politiker wie Julius Leber verpassen.

Widerstand und Exil

Die Inszenierungen im Foyer, Foto: Uli Kunz
Als norwegischer Student im Berlin des Jahres 1936, Foto: Uli Kunz

Das große lichte Foyer des Willy - Brandt - Hauses ist geradezu geschaffen für die Darstellung von Willy Brandts Exil in Norwegen und Schweden. Sie erfahren hier etwas über Brandts politischen wie publizistischen Kampf für ein demokratisches und friedliches Deutschland. Verfolgen Sie seine Reisen in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur durch halb Europa, nach Barcelona, Prag und Paris etwa, aber auch nach Berlin.

Die Tarnschriften und geschmuggelten Zeitungsartikel, seine Waffen in diesem Kampf, sind hier anschaulich präsentiert. Sie können selbst entdecken, wie Geheimschriften funktionierten. Und wieder kommt Brandt selbst zu Wort: Hören Sie, wie er von Flucht und Untergrundarbeit berichtet, und lesen Sie, was er zu Deutschland unter den Nationalsozialisten sagte. Aber auch sein Privatleben in dieser schwierigen Zeit lässt sich in einem Familienalbum verfolgen, seine erste Ehe mit Carlota Thorkildsen und die Geburt seiner Tochter Ninja.

Der Kontakt mit den skandinavischen Sozialdemokraten im Exil hat Brandt für seinen weiteren politischen Weg geprägt. Zurück in Deutschland, tritt er in die SPD ein. Er ist nach Kriegsende entsetzt über die Zerstörungen in Lübeck, das Elend der Bevölkerung und die Verbrechen der Nationalsozialisten. Setzen Sie sich also auf die vor Ihnen stehende Holzbank und erleben Sie nach, was er als norwegischer Pressevertreter in Nürnberg erfährt und was ihn erschüttert zurückläßt.

Berliner Jahre

Licht und Schatten der Verantwortung in Berlin und Bonn, Foto: Uli Kunz
Dokumente nicht allzu ferner Vergangenheit, Foto: Uli Kunz

Willkommen in Berlin, der Frontstadt des Kalten Krieges! Zwischen Rosinenbombern und Alliiertem Kontrollrat wird Brandt erst Abgeordneter der SPD in der geteilten Stadt und 1957 sogar Bürgermeister. Auf mehreren Monitoren können Sie hier mitverfolgen, wie schwierig die Rolle des Regierenden Bürgermeisters von Berlin sein konnte und wie sehr der Ost - West - Konflikt in diesen Jahren das Schicksal der Stadt bestimmte.

Unsere elektronische Eintrittskarte erlaubt es Ihnen, eine auf Ihre Interessen zugeschnittene individuelle Auswahl an Filmbeiträgen abzurufen. Sehen und hören Sie Brandts Rede zum Berlin - Ultimatum oder die Berichterstattung über den berühmten Kennedy - Besuch in der Stadt, setzen Sie sich in ein Wohnzimmer und sehen Ost- und Westfernsehen im direkten Vergleich oder testen Sie Ihr Wissen in einem interaktiven Quiz. Für Kinder begleitet weiterhin Kater Billy die Geschehnisse in Berlin.

Mit dem Mauerbau kommt 1961 die schwerste Bewährungsprobe seiner Amtszeit auf Bürgermeister Brandt zu. Er ist enttäuscht, dass die Westalliierten nicht eingreifen, kann aber in der Folgezeit ein erstes Mal seine „Politik der kleinen Schritte“ erproben, die später auf großer Bühne Weltgeschichte schreiben wird. Auch hier können Sie wieder im Familienalbum blättern und die zweite Ehe Brandts mit Rut Bergaust begleiten.

Regierungsjahre

Multimediales auf Knopfdruck, Foto: Uli Kunz
Alles zum ersten "Medienwahlkampf" 1972, Foto: Uli Kunz

In den Jahren von 1966 bis 1974 wandelt sich die bundesrepublikanische Gesellschaft erheblich. Und Willy Brandt gestaltet diese Zeit als Außenminister und Bundeskanzler entscheidend mit. In diesem Abschnitt der Ausstellung können Sie mit Hilfe verschiedener Medien nacherleben, welche Themen die Gesellschaft in dieser noch gar nicht so fernen Zeit bewegten, und Sie können auch sehen, wie die bundesrepublikanische Gesellschaft Brandts Politik bewertete. In Zeitungsartikeln und Karikaturen, Nachrichtenberichten und Plakaten, Fotos und Redemitschnitten können Sie sich in diesem Abschnitt mit einer breiten Auswahl an Themen der Zeit intensiver beschäftigen.

Die Schlüsselereignisse dieser Jahre werden für Sie besonders lebendig aufbereitet: Ostverträge und Kniefall in Warschau, APO und Notstandsgesetzgebung, Reformen und Friedensnobelpreis. Nehmen Sie an der Regierungsbank Platz und vollziehen Sie all dies mit Hilfe von Hörstationen und Filmmonitoren nach. Sie können auch an ein Rednerpult treten und historische Reden hören; hier besteht sogar die Möglichkeit, Reden wie im Fernsehstudio über einen Teleprompter nachzusprechen oder eigene Vorträge einzuüben.

Zu guter Letzt sind Höhe- und Tiefpunkt eines außerordentlichen politischen Werdegangs mitzuverfolgen, wenn Brandt für die SPD in vorgezogenen Neuwahlen das beste Bundestagswahlergebnis der SPD - Geschichte erkämpft und wenig später nach der Guillaume - Affäre als Kanzler zurücktritt.

Globales Engagement

Interaktiv und spielerisch lernen, Foto: Uli Kunz

Auch nach der Kanzlerschaft nutze Willy Brandt sein hohes Ansehen für die Verwirklichung politischer Ziele. Dazu gehörte der Einsatz für Frieden und die Einhaltung der Menschenrechte. Diesem Engagement ist der große Saal des Willy - Brandt - Hauses Lübeck gewidmet. Hier wird Kindern und Jugendlichen ebenso wie Erwachsenen eine auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnittene Einführung in dieses heute immer wichtigere Thema geboten, multimedial und anschaulich.

Wenn Sie Willy Brandts Aktivitäten in der Sozialistischen Internationale und in der Nord - Süd - Kommission folgen, wird sich Ihnen insbesondere die heutige Bedeutung der Menschenrechtsfrage erschließen. Auf roten Sitzwürfeln werden die einzelnen Menschenrechte vorgestellt. In welcher Form sich Willy - Brandt dazu geäußert hat, wird durch Wandprojektionen deutlich. Die Ausstellung soll insbesondere Kinder und Jugendliche für diese Themen begeistern und Sie zum aktiven Engagement anregen.

In seinen letzten Jahren konnte Brandt noch einen seiner größten Träume wahr werden sehen: Den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands. Erleben sie die entscheidenden Stunden in Berlin noch einmal mit ihm und sehen Sie, wie er diesen Schicksalsmoment sofort erkennt und emotional begleitet: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!“

Impressionen

Wie berühmte Fotografen Willy Brandt sahen, Foto: Uli Kunz

Zum Ausklang bieten wir Ihnen einige fotographische Eindrücke, die noch einmal alle Seiten des Menschen Willy Brandt hervorrufen: Seinen Charme und trockenen Witz genauso wie seine Melancholie, seine Energie und seinen Tatendrang, seine emotionale Wärme oder zeitweilige Unnahbarkeit. Man scheint Brandt die Kämpfe und Erfahrungen aus dem Gesicht lesen zu können.

Bevor Sie durch den Garten, vorbei an einem Segment der Berliner Mauer, das Haus verlassen, können Sie den Humor Brandts mitnehmen, der in einer Satire und einem skurrilem Interview zu bestaunen ist: Er konnte mitunter ganz herzlich über sich und die Welt lachen.