Willy-Brandt-Biografie
Mai 1959

„Chinesische Mauer“ in Berlin

Am 30. Mai 1959 verstreicht das Chruschtschow-Ultimatum, ohne dass die Sowjetunion irgendwelche Maßnahmen ergreift. Am selben Tag erscheint in dem amerikanischen Magazin The Saturday Evening Post ein Interview mit Willy Brandt. Mehr als zwei Jahre vor dem Mauerbau erläutert der Regierende Bürgermeister von Berlin darin seine Ansicht, dass der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert beabsichtige, eine „Art chinesische Mauer mitten durch die Innenstadt“ zu errichten. Bisher sei er daran von der Sowjetunion gehindert worden.

Für Brandt ist seit langem klar, dass die DDR irgendwann auf die hohen Flüchtlingszahlen reagieren muss und dass West-Berlin am stärksten betroffen sein wird, da hier die Zahlen am höchsten sind. Seit der Berlin-Blockade 1948 hat Brandt wiederholt das Bild von der chinesischen Mauer bemüht und auf diese Weise vor der Gefahr einer Abriegelung West-Berlins durch die DDR gewarnt.

Was Brandt vermutlich nicht wusste: Seit 1951 plante die DDR unter dem Namen „Projekt Chinesische Mauer“ eine hermetisch abgeriegelte Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Schon am 27. Mai 1952 wurde entlang der innerdeutschen Grenze eine Sperrzone errichtet und auch West-Berlin vom Osten abgetrennt, indem von 277 innerstädtischen Straßenübergängen 200 gesperrt wurden.

© Time
Im Mai 1959 ziert der populäre Regierende Bürgermeister das erste Mal das Cover des amerikanischen Time Magazine


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