Überlegungen für die Zeit nach dem Krieg
Am 4. Februar 1945 hält Willy Brandt im Stockholmer Philosophischen Diskussionsklub einen Vortrag über die „Forderungen und Möglichkeiten der Demokratie in der internationalen Politik“. Er zeigt sich „zutiefst davon überzeugt, dass die europäische und internationale Demokratie noch über starke Reserven verfügt.“ Er sieht mit dem nahenden Kriegsende nicht den Abschluss, sondern die wichtigste Phase dieser Epoche anbrechen. Eine der Haupttendenzen wird seiner Ansicht nach das Ringen um den Inhalt einer „neuen Demokratie“ sein. Zu den unabdingbaren Voraussetzung für Demokratie in der internationalen Politik zählt für ihn, die „Gleichberechtigung aller Nationen“ zu verwirklichen, u.a. durch „die demokratisch organisierten Vereinigten Staaten von Europa“.
Wenige Tage später äußert sich Brandt in einem Vortrag auf der Mitgliederversammlung der SPD-Ortsgruppe Stockholm über „Deutschlands außenpolitische Stellung nach dem Kriege“. Auch deutsche Demokraten, so Brandt, müssten die Folgen der Niederlage mittragen. „Vorbehaltloses Anerkennen der Verbrechen, die von Deutschen und im Namen Deutschlands an andern Völkern verübt worden sind, ist die erste Vorbedingung für eine Gesundung des deutschen Volkes.“ Demokratische Deutsche stünden nicht vor einer Wahl zwischen Ost und West, sondern müssten mit allen Nationen zusammenarbeiten. Er schließt seine Rede mit dem Aufruf, „den Fluch der Zersplitterung“ zu überwinden, der die deutschen Hitler-Gegner immer noch belaste.