Treffen mit Chruschtschow?
Im Januar 1963 besucht der sowjetische Ministerpräsident, Nikita Chruschtschow, Ost-Berlin. Willy Brandt will die Gelegenheit nutzen und macht sein Interesse an einer Begegnung deutlich: „Meines Erachtens würde es ihm nicht schaden, sich die Mauer von beiden Seiten anzusehen.“
Chruschtschow reagiert prompt: Er lässt Brandts Pressechef Egon Bahr mitteilen, dass ein Treffen möglich sei. Der sowjetische Ministerpräsident will aber nicht nach West-Berlin kommen, sondern lädt Brandt in die sowjetische Botschaft nach Ost-Berlin ein.
Der Regierende Bürgermeister, der keine eigene Außenpolitik betreiben darf, um die Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik nicht zu gefährden, bekommt grünes Licht von den West-Alliierten und der Bundesregierung. Er sagt Chruschtschow zu und entwirft ein Gesprächskonzept.
Doch im letzten Moment plagen Brandts Berliner Koalitionspartner schwere Bedenken: Franz Amrehn (CDU) droht für den Fall eines Treffens mit dem geschlossenen Rücktritt der CDU-Senatoren. Nach der am Widerstand der Amerikaner gescheiterten Begegnung im März 1959 muss Brandt zum zweiten Mal – und jetzt in letzter Minute – ein Treffen mit Chruschtschow absagen: eine peinliche Situation.
Der erzwungene Rückzieher wird im gerade anlaufenden Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen und die Gewichte in der Berliner Politik nachhaltig zugunsten der Sozialdemokraten verschieben.