Willy-Brandt-Biografie
November 1956

Stimmungsumschwung in Berlin

Anfang November 1956 marschieren sowjetische Truppen in Ungarn ein und schlagen den Volksaufstand blutig nieder. Die Berliner erinnern die Nachrichten an den 17. Juni 1953, als die sowjetischen Panzer über den Potsdamer Platz rollten und sie hilflos zusehen mussten, wie der Protest ihrer Ost-Berliner Mitbürger niedergewalzt wurde. Ihre Wut zeigen die Menschen am 5. November in einer Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg. Über 100.000 Teilnehmer kommen zusammen, doch die Redner der Regierungsparteien erreichen die Menschen nicht, sie werden ausgebuht und niedergepfiffen. Die Stimmung wird aggressiver und es bilden sich Demonstrationszüge Richtung Brandenburger Tor und zur sowjetischen Botschaft. Als einziger Politiker ist Willy Brandt in der Lage, den Gefühlen seiner Mitbürger Ausdruck zu geben. Doch er macht ihnen auch klar, dass ein Krieg droht, sollten sie sich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen an der Sektorengrenze hinreißen lassen. Brandt gelingt es, eine Eskalation zu verhindern. Als er zu später Stunde „mit schnarrender Stimme“ (Rut Brandt) die Nationalhymne anstimmt, singen die Berliner mit und gehen anschließend nach Hause.

Brandts Auftritt an diesem Abend bringt ihm großen Respekt bei den Berlinern, aber auch innerhalb seiner Partei ein und entscheidet den innerparteilichen Machtkampf mit Franz Neumann zu seinen Gunsten.


© Willy-Brandt-Archiv des AdsD der FES
Viele Sozialdemokraten sind unzufrieden mit ihrem Vorsitzenden Franz Neumann



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