Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
September 1983

SALT-Abkommen, NATO-Doppelbeschluss und Afghanistan

In den Jahren 1972 und 1975 werden zwischen den USA und der UdSSR die SALT I- und SALT II-Abkommen geschlossen. Die beiden Supermächte verpflichten sich darin zum Abbau von Konflikten und internationalen Spannungen. Für die Aufstellung strategischer Atomwaffen werden Höchstgrenzen vereinbart. Die SALT-Abkommen sehen gegenseitige Rüstungskontrollen nicht vor. Einige Waffenkategorien werden dazu nicht berücksichtigt. Diese "Lücken" in den Verträgen nutzen beide Seiten zur Entwicklung und Stationierung neuer Waffentypen (z. B. Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper). Zwischen den USA und der UdSSR bleibt erhebliches Misstrauen bestehen.

Die Atmosphäre der Entspannung zwischen den Supermächten ist Ende der siebziger Jahre endgültig vorbei. Im Jahre 1977 beginnt die UdSSR mit der Aufstellung eines neuen Raketentyps. Mehrere Hundert "SS-20"-Mittelstreckenraketen - jede mit drei Atomsprengköpfen bestückt - bedrohen gezielt die Länder Westeuropas. Die europäischen NATO-Verbündeten sehen sich einer völlig neuen Bedrohung ausgesetzt. Als Gegenmaßnahme fassen die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Staaten im Dezember 1979 den so genannten NATO-Doppelbeschluss: 572 amerikanische Mittelstreckenraketen ("Pershing II" und "Cruise Missiles") sollen in der Bundesrepublik, Großbritannien und Italien ab 1983 stationiert werden und das "eurostrategische Gleichgewicht" sichern ("Nachrüstung"). Zugleich werden der sowjetischen Regierung Verhandlungen über eine Begrenzung oder gänzliche Abschaffung der Mittelstreckenwaffen angeboten.

Im Dezember 1979 marschieren die Truppen der Roten Armee nach Afghanistan ein. Die Ost-West-Beziehungen erreichen einen neuen Tiefpunkt. Die UdSSR schiebt als Begründung für die militärische Intervention einen Beistandspakt vor, den sie mit der kommunistischen Regierung in Kabul geschlossen hat. Die pro-sowjetische Regierung in Afghanistan ist durch islamisch-fundamentalistische Gruppierungen im Land in Bedrängnis geraten. Die sowjetischen Truppen - so die Machthaber im Kreml - sollen "Ruhe und Ordnung" im Land wiederherstellen. Die Moskauer Führung holt den Kommunisten Karmal aus dem Exil zurück und setzt ihn als neuen Regierungschef ein. Die Machthaber in Kabul besitzen jedoch nach wie vor kaum Rückhalt in der Bevölkerung und können sich gegen die muslimischen Rebellen (Mudjaheddin) nur mit Waffenunterstützung der Roten Armee behaupten. Afghanistan versinkt in einem blutigen Bürgerkrieg. Der Widerstand der muslimischen Rebellen gegen die kommunistische Regierung in Kabul und gegen die sowjetischen Besatzer wird durch die USA mit umfangreichen Waffenlieferungen unterstützt. Die sowjetischen Truppen müssen im Kampf gegen die Mudjaheddin hohe Verluste hinnehmen.

Mit Amtsantritt von Generalsekretär Michail Gorbatschow 1985 hält "Neues Denken" Einzug in die sowjetische Außenpolitik, die von ideologischem Ballast befreit wird. In den Jahren 1988/89 zieht die UdSSR ihre Truppen aus Afghanistan zurück. Der Krieg in Afghanistan und seine Folgen verursachen unter der Bevölkerung der UdSSR ein ähnliches Trauma wie der Vietnamkrieg in den USA. Die hohen Verluste an Menschenleben, die ausufernden Kriegslasten, welche die wirtschaftliche Situation im Land weiter verschlechtern, und der Protest der zurückkehrenden Kriegsveteranen schaffen in der UdSSR ein Krisenpotential, das den Druck auf die sowjetische Führung erhöht, innere Reformen durchzuführen.

 



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