Rede vor dem SPD-Parteitag in Nürnberg
In Nürnberg treffen sich sozialdemokratische Delegierte aus allen Teilen der Bundesrepublik zum ersten SPD-Bundesparteitag seit dem Eintritt in die Große Koalition. Am 18. März spricht der Parteivorsitzende. Willy Brandt hält eine seiner besten Parteitagsreden. Er legt in Nürnberg einen Grundstein für seine künftige Ostpolitik und benennt zum ersten Mal klar und ohne beschönigende Formeln die Konsequenzen, die sich aus der Niederlage 1945 für Deutschland ergeben: „Die meisten haben vergessen, daß die Rechnung für den verlorenen Krieg immer noch offen ist. […] Wir sagen in aller Offenheit, dass die Einheit unseres Landes jetzt nicht auf der Tagesordnung der internationalen Politik steht.“
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© AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung Willy Brandt und sein Berater Klaus Schütz während des Parteitages in Nürnberg |
Der Parteivorsitzende betont, „daß das deutsche Volk die Versöhnung gerade auch mit Polen will und braucht. Es will und braucht sie, ohne zu wissen, wann es seine staatliche Einheit durch einen Friedensvertrag finden wird.“ Brandt benennt die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten: „Daraus ergibt sich die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie bis zur friedensvertraglichen Regelung. Es ergibt sich, daß die bestehenden Grenzen in Europa nicht durch Gewalt verändert werden dürfen und die Bundesrepublik zu entsprechend verbindlichen Übereinkünften bereit ist. Alle Völker sollen in der sicheren Gewißheit leben können, daß Grenzen nicht mehr gegen ihren Willen verändert werden.“