Nord-Süd-Kommission
Die Bemühungen Willy Brandts um eine weltpolitische Zusammenarbeit, die er nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundekanzlers intensiviert hat, finden weltweite Beachtung. Im Jahre 1977 bittet Robert McNamara, der Präsident der Weltbank, Willy Brandt, den Vorsitz einer "Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen" ("Nord-Süd-Kommission") zu übernehmen. Brandt hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vielzahl politischer Verpflichtungen zu erfüllen. Er ist Vorsitzender der SPD, Präsident der Sozialistischen Internationale, Mitglied des Deutschen Bundestages und kandidiert auf Platz 1 der SPD-Liste zur ersten direkten Wahl des Europäischen Parlamentes. Gleichwohl sagt Brandt zu, diese zusätzliche Aufgabe zu übernehmen.
Willy Brandt kann für eine Mitarbeit in der Nord-Süd-Kommission namhafte Politiker und Experten aus verschiedenen Entwicklungs- und Industrieländern gewinnen. Die Beratungen nehmen über zwei Jahre in Anspruch. Am 12. Februar 1980 legt die Kommission in New York dem Generalsekretär der Vereinten Nationen den "Nord-Süd-Bericht" vor. Sein vollständiger deutscher Titel lautet: "Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie -und Entwicklungsländer". Die Studie wird allgemein unter dem Namen "Brandt-Report" bekannt und erregt weltweit große Aufmerksamkeit.
Der Brandt-Report zieht eine Bilanz der Entwicklungspolitik und verlangt, die unterpriviligierten Länder des Südens in die Weltwirtschaft zu integrieren. Die Nord-Süd-Kommission verspricht sich davon die notwendige Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation in den benachteiligten Ländern. Zugleich wird von den reichen Industrieländern des Nordens gefordert, ihre Mittel und Macht mit den Ländern des Südens zu teilen. Der Bericht enthält ein Bündel von Vorschlägen zur Reform und Umgestaltung des Weltwirtschaftsystems und bewertet die Einführung einer neuen Weltwirtschaftsordnung als wichtigen Beitrag, um das gemeinsame Überleben der Menschheit zu sichern. Dabei wird auf den Zusammenhang von Hochrüstung und Armut in den Ländern der Dritten Welt hingewiesen: Eine weltweite Abrüstung setze große Geldsummen frei, die für die Entwicklung der Dritte-Welt-Länder aufgewandt werden könnten.
Willy Brandt schreibt im Vorwort der umfangreichen Ausarbeitung: "Unser Bericht gründet sich auf das wohl einfachste gemeinsame Interesse: Daß die Menschheit überleben will und - wie man hinzufügen könnte - auch die moralische Pflicht zum Überleben hat. Dies wirft nicht nur die klassischen Fragen nach Krieg und Frieden auf, sondern schließt auch ein, wie man den Hunger in der Welt besiegt, wie man das Massenelend überwindet und die herausfordernden Ungleichheiten in den Lebensbedingungen zwischen Reichen und Armen. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Dieser Bericht handelt vom Frieden."