Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
November 1989

Mauerfall

Im Frühjahr 1985 wird Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU. Mit seiner Politik von Glasnost und Perestrojka will er das marode Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in der UdSSR reformieren und das Sowjetimperium überlebensfähig machen. Diese Politik ermutigt auch andere Länder des Ostblocks zu Reformen. Sie nutzen die ihnen von Gorbatschow gebotene Chance, endlich ihr innen- und außenpolitisches Geschick weitgehend selbst zu bestimmen. Die Führung der DDR unter dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker hingegen sieht keinen Bedarf für Reformen. Sie verschließt dabei die Augen vor der Tatsache, daß die DDR vor dem Staatsbankrott steht.

Angesichts der offenkundigen Ineffizienz des "Sozialismus in den Farben der DDR" und der Verweigerung jeder Reform zerbröselt das Arrangement zwischen Bürgern und Regime zusehends, das seit dem Mauerbau soziale Sicherheit und einen erträglichen Lebensstandard gegen politisches Wohlverhalten gesichert hat. Die Oppositionsbewegung in der DDR, die von der SED-Führung demokratische Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Reisefreiheit fordert, erhält im Spätsommer und Frühherbst 1989 rasch Zulauf. Die Bürgerrechtler in der DDR und mit ihnen immer mehr Bürger lassen sich bei ihrem politischen Handeln zunehmend weniger durch die Repressionen der Stasi einschüchtern.

Viele DDR-Bürger sind nicht länger bereit, endlos auf Reformen im Land zu warten. Sie suchen entschlossen den Weg in die Freiheit. Im Januar 1989 besetzt eine Gruppe DDR-Bürger die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin, um ihre Ausreise zu erzwingen. Die Aktion hat Erfolg. Dies ermutigt viele, es ihnen gleich zu tun. Im Sommer 1989 besetzen Tausende von DDR-Bürgern die westdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest. Auch sie können ihre Ausreise in die Bundesrepublik erzwingen. Eine Massenflucht von DDR-Bürgern in den Westen setzt ein, als Ungarn im September 1989 seine Grenze zu Österreich öffnet. Der "Eiserne Vorhang" zwischen Ost und West, der den europäischen Kontinent über mehr als vier Jahrzehnte geteilt hat, bricht auf.

Im Oktober 1989 feiert die DDR den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Im Vorfeld der Feierlichkeiten kommt es in vielen Großstädten des Landes zu Massenkundgebungen gegen das SED-Regime. Die Polizei geht zum Teil mit brutaler Gewalt gegen die Proteste vor. Doch sowohl die Einheiten der Nationalen Volksarmee der DDR als auch die in Ostdeutschland stationierten sowjetischen Truppen bleiben in den Kasernen. Mit dem Ruf "Wir sind das Volk" fordern die Demonstranten grundlegende demokratische Reformen.

 
Kundgebung nach dem Mauerfall vor dem Rathaus Schöneberg am 10. November 1989
©Bundesbildstelle
 

Gegen den Druck von Hunderttausenden von Menschen auf den Straßen ist die DDR-Führung schließlich machtlos. Erich Honecker wird gestürzt. Die Mitglieder des SED-Politbüros treten zurück. Die neue SED-Führung unter Generalsekretär Egon Krenz gewährt als eine der ersten Maßnahmen Reisefreiheit für alle DDR-Bürger. Die Berliner Mauer fällt in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Tausende von Menschen strömen über die Grenzübergänge nach West-Berlin und feiern mit ihren Landsleuten die Verwirklichung eines Stücks deutscher Einheit.

Willy Brandt ist tief ergriffen: "Ich bin dem Herrgott dankbar dafür, daß ich dies miterleben darf." Brandt ist Zeuge, wie die Früchte seiner Ost- und Deutschlandpolitik reifen. Die Mauer ist gefallen. . Die Vereinigung beider deutscher Staaten ist in greifbare Nähe gerückt.
 
Bewohner aus beiden Teilen der Stadt auf der Mauer am Brandenburger Tor
©Bundesbildstelle
 

Am Tag nach dem Mauerfall spricht Willy Brandt zu Tausenden von Menschen aus West und Ost vor dem Rathaus Schöneberg. "Dies ist ein schöner Tag nach einem langen Weg. Doch wir befinden uns erst an einer Zwischenstation. Wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt," ruft er den jubelnden Menschen zu. "Es wird jetzt viel davon abhängen, ob wir uns - wir Deutsche, hüben und drüben - der geschichtlichen Situation gewachsen erweisen. Das Zusammenrücken der Deutschen, darum geht es!"

In der DDR ist dies mittlerweile die wichtigste Forderung: "Wir sind ein Volk" und "Deutschland einig Vaterland" lauten die Parolen, die seit dem Mauerfall am 9. November die Demonstrationen im Osten Deutschlands dominieren.

Willy Brandts Ausspruch, "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", wird zu einem Leitmotiv für den beginnenden Vereinigungsprozeß.



Glossar

Suche

Lesen Sie auch:
 Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik

Kontakt | Impressum | Sitemap | Startseite

© 2005 Bundeskanzler- Willy- Brandt- Stiftung