Krise der Berliner SPD
Bei der Wahl zum neuen Berliner Abgeordnetenhaus am 3. Dezember 1950 hatte die Berliner SPD schwere Verluste hinnehmen müssen. Erreichte sie 1948 während der Blockade in den Westbezirken noch 64,5 %, so liegt ihr Stimmenanteil 1950 nur bei 44,7 %.
In einem Brief an zahlreiche Berliner Parteifreunde beklagt Brandt, dass die „Ursachen leider niemals zum Gegenstand einer ernsten innerparteilichen Überprüfung gemacht worden“ sind. Er benennt offen die Widersprüche in der Haltung vieler seiner Parteifreunde, die einerseits Subventionen des Bundes einfordern, andererseits ohne Rücksicht auf die Abhängigkeiten von Bonn Politik machen wollen und so mit der Bindung an die Bundesrepublik auch die Existenz West-Berlins gefährden: „Berlin könnte eine führende Rolle in gesamtdeutschen Fragen spielen, vorausgesetzt, dass seine Politik von realistischen Voraussetzungen ausginge“. Brandt spricht auch die Spaltung der Partei in pragmatischen Reuter- und traditionalistischen Neumann-Flügel an, die die Sozialdemokraten zu lähmen droht. „Wenn man die Krise überwinden will, muss am Anfang eine wirkliche Klärung unseres Verhältnisses zum Bund stehen.“ Nur durch diese Klärung, davon ist Brandt überzeugt, kann die Berliner SPD wieder zu innerparteilicher Geschlossenheit gelangen, ihr Gewicht im Senat voll einsetzen und so „die politischen Voraussetzungen für einen kommenden Wahlkampf schaffen.“