Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
Mai 1977

Gruppe der 77

Seit den sechziger Jahren tritt in der Öffentlichkeit immer stärker der "Nord-Süd-Konflikt" ins Bewußtsein. Darunter wird das Neben- und Gegeneinander von Ländern mit großer Armut und reichen Ländern verstanden. Anfang der siebziger Jahre sterben jährlich über 25 Millionen Menschen den Hungertod.

Die Ursachen für die Not in den Ländern der "Dritten Welt" sind vielschichtig. Sie bestehen insbesondere in räumlichen und klimatischen Benachteiligungen (Rohstoff- und Wasserknappheit, Dürreperioden), hohem Bevölkerungswachstum, Kriegen und Bürgerkriegen, unzureichender Nahrungsmittelversorgung, Analphabetismus, fehlender Infrastruktur, niedrigem Pro-Kopf-Einkommen, hoher Erwerbslosigkeit und Mangel an inländischem Kapital, der eine hohe Auslandsverschuldung zur Folge hat. Nach Auffassung von Vertretern einiger unterentwickelter Länder Afrikas und Asiens kommt hinzu, dass die Bedingungen des weltweiten Freihandelssystems, das die Industrieländer nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt haben, den Aufstieg dieser Länder begünstigt und die Länder der "Dritten Welt" in ihrer Entwicklung benachteiligt haben.

Eine Gruppe von Entwicklungsländern schließt sich Mitte der siebziger Jahre in einer Interessengemeinschaft zusammen (Gruppe der 77) und fordert die Einführung einer "Neuen Weltwirtschaftsordnung", nach der vor allem ein leichterer Zugang von Fertigprodukten aus den Entwicklungsländern zu den Märkten der Industrieländer sichergestellt werden soll. Die Einkünfte der ärmsten Länder aus dem Rohstoffexport, die starken Schwankungen unterworfen sind, sollen zudem durch Unterstützungsfonds stabilisiert werden, deren Finanzierung durch die Industrieländer gesichert werden müsse.

Bei der Hilfe für die ärmsten Länder auf dieser Erde wird immer wieder deutlich, dass der Begriff Entwicklung sehr unterschiedlich verstanden wird. Die im Jahre 1977 unter dem Vorsitz Willy Brandts eingesetzte "Nord-Süd-Kommission" fasst das Ziel Entwicklung bewusst weit: "Entwicklung ist mehr als der Übergang von arm zu reich, von einer traditionellen Agrarwirtschaft zu einer komplexen Stadtgemeinschaft. Sie trägt in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstands, sondern auch die von mehr menschlicher Würde, mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit."




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