Willy-Brandt-Biografie
Oktober 1973

Fraktionschef Wehner in Moskau

Am 24. September 1973 besucht zum ersten Mal eine Delegation des Deutschen Bundestages die Sowjetunion, der u. a. Herbert Wehner angehört. Wehner hatte bereits vor seiner Abreise in einem ARD-Interview Kritik an der Praxis der Ostpolitik geübt. Er warnte vor einer „alten Politik mit neuen Verträgen“. In Moskau wiederholt er seine Kritik. Jetzt wird die Presse aufmerksam. Äußerungen, die Wehner im kleinen Kreis und im Flugzeug während der Rückreise von sich gibt, werden aus dem Zusammenhang gerissen und in zugespitzter Form und publizistisch aufgeblasen der deutschen Öffentlichkeit präsentiert. „Der Herr badet gern lau“ und „Der Regierung fehlt ein Kopf“ wird Wehner zitiert. Er bestreitet die Äußerungen und wird Jahre später vom mitreisenden Spiegel-Redakteur Herrmann Schreiber auch bestätigt. Aber die Worte sind in der Welt.

Willy Brandt befindet sich zu dieser Zeit auf einer USA-Reise. Nach seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen ist er unterwegs zum Aspen Institute for Humanistic Studies, um eine Auszeichnung entgegenzunehmen. Bei der Zwischenlandung in Denver erreicht ihn die dpa-Meldung über die Äußerungen Wehners. Brandt ist empört, aber anders als in den Medien berichtet, bricht er die Reise nicht ab, sondern kehrt planmäßig am 30. September nach Bonn zurück.

Die von der Presse kolportierten Äußerungen Wehners haben Brandt tief verletzt. „Mein Fehler, dass ich dies durchgehen ließ“, notiert er nach seinem Rücktritt. Wehners ostpolitische Positionen werden am 5. Oktober vom Parteivorstand mit 12:11 Stimmen gebilligt. Für Brandt eine weitere Kränkung.

Ende Oktober lenkt der Kanzler schließlich ein: „Bald danach bat ich den Fraktionsvorsitzenden zu einer Aussprache. Nach einigem Rotwein meinte er: ‚Lass es uns noch mal versuchen.’“ Die nächsten Monate sind geprägt vom Willen der beiden Sozialdemokraten zur konstruktiven Zusammenarbeit.



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