Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
Mai 1950

Differenzen zum Parteivorstand

Am 22. Mai 1950 versammeln sich die Delegierten der SPD in Hamburg zum Bundesparteitag. Eines der großen Themen ist die Europapolitik. Ein Jahr zuvor ist in London der Europarat gegründet worden. Der sogenannte „Bürgermeisterflügel“ um Ernst Reuter, Max Brauer und Wilhelm Kaisen und eine Mehrheit der Berliner Delegation machen Front gegen die Europapolitik des SPD-Vorsitzenden, Kurt Schumacher. Dieser lehnt den Beitritt zum Europarat ab, da er fürchtet, durch die Integration der Bundesrepublik in westeuropäische Institutionen werde die Wiedervereinigung weiter erschwert.

Willy Brandt schreibt zu seiner Haltung: „Ich gehörte 1950 zu den Kritikern der offiziellen Linie meiner Partei, weil ich die sich abzeichnenden Formen der europäischen Zusammenarbeit trotz aller Unzulänglichkeiten für einen Schritt nach vorn hielt. Vor allem aber befürchtete ich mit vielen meiner Berliner Freunde, dass eine intransigente Haltung uns in der westlichen Gemeinschaft isolieren und um Einfluss bringen könnte.“ Für Peter Merseburger zeigt sich Brandt bereits hier als „der große politische Realist“, der einem unzulänglich konstruierten Europarat den Vorzug gibt vor einer Blockadehaltung.

Die überwältigende Mehrheit des Parteitages wird ihrem Vorsitzenden jedoch folgen und den Beitritt der Bundesrepublik zum Europarat in Straßburg ablehnen, lediglich elf Delegierte stimmen gegen den Antrag, vier enthalten sich – unter ihnen Willy Brandt.




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